Deutschland–kein Land fuer Kinder
Mamas Kosmos
Gastbeitrag: (K)ein Land für Kinder?

Heute: Unsere Gastautorinnen Helena von Hutten und Noémi Schrodt über Deutschland, die niedrigste Geburtenrate der Welt und wie sie als Mamas ihre Kinder betreuen wollen.

Seit einigen Wochen wissen wir dank der jüngsten Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts: Deutschland ist das Land mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt.

Der Spiegel titelte: “Überraschende Statistik. Plötzlich haben wir die niedrigste Geburtenrate der Welt”

Doch ist das wirklich so überraschend?

Bei den bekannten etwa 1,4 Kindern pro Frau (darf man bei dieser Zahl eigentlich noch von “Kindern” im Plural sprechen oder ist es nicht eher nur ein einziges Kind mit dem Ansatz eines zweiten?) konnten wir wahrlich keine Medaille erwarten.

Über die Ursachen dieser nennen wir es mal Geburtenscheue lässt sich allerdings vortrefflich streiten.

Das Betreuungsgeld diskriminierte Frauen – oder?

Die immer noch unzureichende Gleichberechtigung in der Rollenverteilung von Mann und Frau und der mangelhafte Ausbau qualifizierter Betreuungseinrichtungen werden dabei am häufigsten angeprangert. Menschen aus Politik und Gesellschaft, Experten, Prominente und normale Bürger, diskutieren in den bewährten Talkshows nicht selten sehr vehement und kämpferisch.

Gleichstellungsbeauftragte triumphieren, ErzieherInnen streiken, Familienministerin Manuela Schwesig fühlt sich in ihrem Ansinnen bestärkt, Männern und Frauen gleichermaßen zu ermöglichen, bald nach der Geburt eines Kindes wieder uneingeschränkt dem Broterwerb nachgehen zu können – Vollzeit, versteht sich.

Dem verrucht-verfluchten Betreuungsgeld, gerne wahlweise auch “Herd-” , “Fernhalte-“, “Verdummungs-” oder gar ” Schnaps- Prämie” genannt, wurde nun passenderweise auch endlich der Garaus gemacht. Unabhängig von der rein formalen Begründung der Verfassungsrichter stand für die meisten Parteien schon lange fest: Es diskriminierte Frauen, indem es Anreize schuf, in längst veralteten Rollenbildern haften zu bleiben und außerdem Kinder von Bildungschancen und sozialer Integration ausschließt. Oder vielleicht doch nicht?

Die Debatte läuft am eigentlichen Kern vorbei

Wir, zwei junge Frauen, 29 Jahre alt, verheiratet, Mütter von bisher drei bzw. einem Kind, eine von uns Dauer-Vollzeitmutter, die andere Lehrerin in (mindestens dreijähriger) Elternzeit, beide in Berlin lebend, sehen das etwas anders.

In unseren Augen verläuft die Debatte an dem eigentlichen Kern vorbei.

Wer es nämlich wagt, bei dieser Frage das Kindeswohl und nicht die Work-Life-Money-Balance von Müttern und Vätern in den Vordergrund zu stellen, dem wird schnell unterstellt, antiemanzipatorisch und intolerant anderen Lebensmodellen gegenüber zu sein.

Als seien Kinder ein die Zufriedenheit minderndes Problem im Leben eines selbstbestimmten, erfolgreichen, modernen Erwachsenen …

Insbesondere berufstätige Frauen werfen dann Müttern, die sich für eine längere Kinderpause entschieden haben, Bevormundung und Besserwisserei vor (bezeichnenderweise fühlen sich Männer in dieser Diskussion nur selten direkt angesprochen). Wir glauben jedoch, dass das von der aktuellen Familienpolitik vorgesehene Modell, möglichst alle Kinder mit spätestens einem Jahr möglichst ganztags in der Kita unterzubringen und ihre Mütter wieder voll in den Beruf einsteigen zu lassen, auch deshalb auf dem gesellschaftlichen Vormarsch ist, weil laut geäußerte Zweifel an der Richtigkeit dieses Konzepts für Kinder mittels o.g. Vorwürfen im Keim erstickt bzw. gar nicht erst wahrnehmbar öffentlich diskutiert werden.

Die Medien scheinen auf dem Kinderauge mit einer leichten bis mittelschweren Sehstörung versehen zu sein.

In der FAZ bezeichnet Stefanie Lohaus das klassische Modell eines Alleinverdiener-Vaters mit einer Vollzeit-Mutter als “romantisiertes bürgerliches Ideal”

Ihren Ausführungen nach ist die niedrige deutsche Geburtenrate nicht auf Egoismus und Faulheit zurückzuführen, sondern auf den Umstand, dass sich Frauen in der Erziehungsaufgabe allein gelassen fühlten und sich mehr gleichberechtigte Aufteilung der häuslichen und erzieherischen Arbeiten mit ihrem Partner wünschten. Sie wollten keine alleinigen “Versorgerinnen” der kindlichen Bedürfnisse sein.

Die häusliche Misere der Frau könne nur mit flächendeckenden Ganztagsschulen, flexibler Kinderbetreuung für Schichtdienst-Arbeitende, Home-Office-Möglichkeiten und dergleichen praktischer Lösungen mehr Linderung erfahren. Und schon sollen plötzlich wieder unzählige Großfamilien durch Deutschland spazieren?

Wir bezweifeln, dass die Mehrheit der Menschen sich dadurch zum Kinderkriegen animiert fühlen würde. Bleibt doch dieser schale Geschmack, dass Kinder im Grunde ein die allgemeine Zufriedenheit erheblich minderndes Problem im Leben eines selbstbestimmten, erfolgreichen, modernen Erwachsenen darstellen, sei es Mann oder Frau, und dass man sich dieses Problems eigentlich nur dadurch entledigen kann, indem man sich des Kindes, zumindest stunden- bzw. tageweise, entledigt – oder eben gar nicht erst eines bekommt…

Das Thema Gleichberechtigung sollte dem Kindeswohl untergeordnet sein

Sicher, dass Mütter an den “Herd gefesselt” sind und Väter ihre Kinder nur zu wochenendlichen patriarchal-autoritären Erziehungseinheiten sehen – diese Zeiten sollen zurecht der gerne zurückgelassenen Vergangenheit angehören. Und sollten sich Frauen in dieser Situation befinden, kann es nur heißen, sich schleunigst daraus zu befreien, keine Frage.

Doch ist das wirklich noch unser Problem?

Ist irgendeine Frau, die diesen Artikel liest, in einer vergleichbaren Lage?

Fühlt sie sich gegängelt von ihrem Ehemann, verkümmert in ihren intellektuellen Möglichkeiten, angekettet an Wickeltisch und Spielplatz? Können wir uns heute denn nicht frei entscheiden, wie wir leben möchten?

Sind wir Frauen denn immer noch nicht aufgeklärt genug, uns nicht so leicht abspeisen und einschränken zu lassen?

Und, nicht zuletzt, welcher Mann wünscht sich eigentlich ernsthaft noch eine Frau, mit der er sich nur über Babybrei und Elternabende unterhalten kann, um ihr anschließend gönnerhaft das streng bemessene Haushalts- und Taschengeld zuzustecken?

Mal ehrlich, darum geht’s doch nicht! Das Thema Gleichberechtigung hat unseres Erachtens eine untergeordnete Rolle zu spielen, wenn es um das Thema Kindeswohl geht.

Kinderkriegen und Kinderhaben muss wieder selbstverständlich Freude und Glück bereiten

Politik, Gesellschaft und nicht zuletzt die Eltern selber müssen sich, ihre Konzepte und Modelle endlich den Bedürfnissen der Kinder anpassen, anstatt nur ihr eigenes Rundumwohlbefinden im Fokus zu haben. Kinderkriegen und Kinderhaben muss wieder selbstverständlich Freude und Glück bereiten und zu einem erfüllten Leben dazugehören können (nicht müssen!).

Dazu gehört nun mal auch, die insbesondere in den ersten Lebensjahren sehr umfassenden Bedürfnisse kleiner Kinder zu erfüllen, schließlich haben sie nicht darum gebeten, geboren worden zu sein, sondern wir haben sie uns bestenfalls ja selber gewünscht und gar nicht selten sogar einiges dafür unternehmen müssen, sie zu empfangen und gesund auf die Welt zu bringen.

Ja, da wird eine Frau schon mal zur “Versorgerin” ihres Kindes – früher nannte man das “Mutter”…

Es sind nicht nur die Eltern gefragt

Wir können nicht recht nachempfinden, warum sich Frauen in dieser Rolle (ja, es ist eine Rolle, aber wahrlich nicht die einzige, die man in seinem Leben einnimmt, und mit Sicherheit nicht die schlimmste, im Gegenteil) häufig selbst nicht mehr als “wertvoller” Teil der Gesellschaft wahrnehmen.

Definieren wir uns wirklich mehr über eine erfolgreiche Erwerbstätigkeit als über unser Privatleben?

Dass die Politik offensichtlich wirtschaftlich denkt und uns Frauen – wenn auch gerne mit anderer Argumentation getarnt – möglichst durchgehend auf dem Arbeitsmarkt sehen möchte, lässt sich ja, nüchtern betrachtet, noch gut nachvollziehen, auch wenn man sich fragen kann, ob die sogenannte Familienpolitik nicht viel eher eine Frauen- oder gar eine Wirtschaftspolitik ist.

Auch ist es selbstverständlich, dass eine Frau einen von ihr gewählten Beruf ebenso leidenschaftlich gerne ausübt und auch ausüben dürfen soll wie ein Mann. Wie genau sich Eltern die anstehenden Aufgaben mit einem Kind aufteilen, wer wann wie lange zu Hause bleibt, das muss und kann jedes Paar für sich ganz individuell entscheiden.

Uns geht es nur darum, dass das körperliche UND seelische Wohl ihres Kindes/ihrer Kinder an erster Stelle steht und sie die liebe Selbstverwirklichung vorrübergehend (es handelt sich ja in erster Linie um die ersten drei Lebensjahre des Kindes, von denen wir hier reden – eine lächerliche Zeitspanne im Vergleich zu den Arbeitsjahren, die meist bereits hinter einem liegen oder noch auf einen warten) etwas weiter hinten Platz nehmen lassen.

Doch sind natürlich nicht nur die Eltern gefragt.

Solange politisch entgegen anderer Verlautbarungen nur ein Modell wirklich gefördert wird, nämlich der Wiedereinstieg in den Beruf nach einem Jahr, können Eltern sich nicht frei von wirtschaftlichen Zwängen entscheiden.

Die 150 Euro Betreuungsgeld waren da sowieso eher symbolischer Natur.

Erst wenn die bewilligten Gelder für die Subventionierung eines Krippenplatzes ebenso bereitwillig an den Elternteil ausgezahlt würden, der über das erste Lebensjahr hinaus gerne mehr Zeit mit seinem unter dreijährigen Kind zu Hause verbringen möchte, kann man überhaupt von wirklicher Wahlfreiheit sprechen. Dann wäre auch der Vorwurf ausgehebelt, wir führten eine “Luxus-Debatte”, da nur Frauen mit gut bis sehr gut verdienenden Ehemännern sich leisten könnten, zu Hause bei ihren Kindern zu bleiben.

Schauen wir endlich auf die Kinder selber

Sieh an, sieh an, nun haben auch wir uns viel zu lange bei den Frauen und Männern aufgehalten. Schauen wir also endlich noch auf die Kinder selber:

Das, was uns derzeit als beste Form von Erziehung verkauft wird,  hat in unseren Augen nur sehr wenig damit zu tun, was kleine Kinder wirklich brauchen.

Der Ort, an welchem sie erfahren, was Liebe, Fürsorge und Zusammengehörigkeit bedeuten, ist das wirklich die außerhäusliche  Fremdbetreuung inmitten eines Haufens mehr oder weniger Gleichaltriger? Doch mit der frohlockenden Aussage, “die Lufthoheit über den Kinderbetten” erobern zu wollen, bringt der SPD-Generalsekretär Olaf Scholz das derzeit angestrebte Konzept für Gesellschaft und Familie auf den Punkt. Eltern sollte dieser Satz Angst machen. Wir zumindest sehen dadurch die Kindheit unserer Kinder sowie unser Recht auf individuelle Elternschaft gefährdet.

Dass die frühe Trennung zwischen Mutter und Kind und der damit verbundene Wiedereinstieg in den Job auch verheerende Folgen für die Mütter haben kann, wird kaum thematisiert. Das immer öfter anzutreffende Phänomen eines “Mutter-Burn-out” wird gerne damit begründet, dass es immer noch nicht genug Betreuungsmöglichkeiten für Kinder gibt.

Wer sich also in der Sicherheit wägen kann, dass seinem Kind die bestmögliche Betreuung samt perfektem Betreuungsschlüssel zukommt, ist somit auch wieder den Anforderungen des Berufswesens gewachsen und rundum belastbar. Den Gedanken, dass kleine Kinder und gleichzeitige Berufstätigkeit auch bei optimalem Zeitmanagement nicht wirklich gut zusammenpassen, wagen nicht viele laut auszusprechen.

Vielmehr sollte sich die Gesellschaft die Frage stellen, wie viel ihr Kinder und Kindheit als solche eigentlich wert sind!

Familienministerin Schwesig  appellierte  kürzlich in Zusammenhang mit dem Kitastreik an die Gesellschaft, sich dringend die Frage zu stellen, wie viel ihr die frühkindliche Bildung wert sei. Bildung – das Schlagwort, das derzeit allen Eltern Glauben machen soll,  mit Frühförderprogrammen ausgestattete Kitas seien für ihre einjährigen Kinder unerlässlich!

Wenn in diesem Alter in erster Linie noch die Bindung zwischen Mutter (bzw. primärer Bezugsperson, welche aber nun mal meistens die leibliche Mutter ist) und Kind die entscheidende Rolle für eine gesunde Entwicklung des Kindes spielt, wird Bildung zum Vorwand genommen, Eltern zu beruhigen, die ein mulmiges Gefühl dabei haben, ihre Kinder früh in staatliche Einrichtungen abzugeben, sich dann aber doch dem Mainstream beugen: “Das machen halt alle so”.

Vielmehr sollte sich die Gesellschaft die Frage stellen, wie viel ihr Kinder und Kindheit als solche eigentlich noch wert sind!

Wenn es im früheren Kindergarten noch um Spiel und Spaß und erste zarte Freundschaften ging, hat die Kita mittlerweile einen wichtigen Ersatz an Elternarbeit zu leisten. Nicht selten sind ErzieherInnen die Zeugen eines neuen kleinen Entwicklungsschrittes von Kleinkindern.

Doch leben diese in den ersten drei Jahren nicht vor allem von der befürwortenden, bedingungslosen Bestätigung ihrer Eltern? Für jedes Elternteil ist doch das eigene Kind das schönste, klügste und einzigartigste der Welt.

Wie persönlichkeitsstärkend muss sich dieses Gefühl auf Kinder auswirken! Können das Erzieher überhaupt entsprechend leisten, beim besten Willen und bei der besten Ausbildung?

Kinder standen und stehen für die Zukunft

Anders gefragt: Warum sollen eigentlich gut ausgebildete Erzieher die Eltern ersetzen, die ihre Aufgabe immer noch am besten erfüllen könnten?! Die Politik fördert mit ihrem Ganztagsbetreuungsplan nicht die Stärkung des Individuums durch das Erziehungsrecht der Eltern, sondern bringt im schlimmsten Fall eine Gesellschaft von regeltreuen und angepassten Menschen hervor. 

In Anbetracht der überalternden Gesellschaft brauchen wir händeringend mehr Kinder. Wieso ihnen dann nicht eine Welt bereitstellen, in der es sich kindgerecht leben lässt? Anstelle des sprichwörtlichen Dorfes, das es braucht, um Kinder großzuziehen, tritt die durchorganisierte, institutionalisierte Kindheit. In besagtem Dorf sind die Mütter übrigens nicht ins Nachbardorf gegangen, sondern waren, neben vielen anderen vertrauten, meist sogar verwandten Personen, ständig in Rufweite zugegen und jederzeit in der Lage, ihren Kindern die nötige Nähe zu geben. 

Kinder standen und stehen in allen Zeiten für die Zukunft. Sie sollten künftig nicht mehr als Hindernis und als zu bewältigender Organisationsfaktor für Beruf und Karriere  angesehen werden, viel eher sollten Beruf und Karriere kein Hindernis für Kinder und ihre Kindheit darstellen! Wenn die Familien direkt gestärkt würden, wenn Eltern wieder häufiger ohne beruflichen und finanziellen Stress im Hintergrund Zeit mit ihren Kindern verbringen können, dann würde Familie wieder Spaß machen, dann wüchse vielleicht auch der Wunsch nach mehr als nur 1,4 Kinder(n).

Dir hat dieser Artikel gefallen? Dann interessiert Dich vielleicht auch das Protokoll von Giulia aus München über die Suche nach einem Kita-Platz für ihre Tochter.

*** Kleines Update ***

Die Online-Ausgabe des SPIEGEL hat übrigens festgestellt, in welchen Regionen Deutschland vielleicht doch ein Kinderland ist: HIER klicken zum Artikel.

4 Bemerkungen

  • Christoph

    17. August 2015

    Hallo Ihr beiden,
    hier ein Kommentar zu ein paar Aspekten Eures Artikels. Ich hoffe, ich habe Euch bei den einzelnen Punkten richtig verstanden.

    Ihr schreibt, dass „die leibliche“ Mutter meistens die primäre Bezugsperson sei und die Bindung von ihr zum leiblichen Kind die entscheidende Rolle für eine gesunde Entwicklung des Kindes spielt. Darüber hinaus sprecht ihr bei der frühen Trennung des Kindes von den Eltern größtenteils von der Trennung der Mutter. Ja, ihr gestattet den Eltern selbst zu entscheiden, wer wann wie lange zuhause bleiben soll. Allerdings impliziert Euer Artikel, dass ihr primär die Mutter als den Elternteil anseht, deren Präsenz für diese gesunde Entwicklung von Nöten sei. Warum? Erst recht frage ich mich (und Euch) das, wenn Ihr eine „Das machen halt alle so“-Mentalität (wenn auch in einem anderen Zusammenhang) anprangert. Es gibt meines Wissens Studien über die Rolle von Müttern, Vätern, Müttern/Vätern, Vätern/Vätern und Müttern/Müttern… in der Erziehung von Kindern, die zu unterschiedlichsten Ergebnissen kommen. Ich glaube, dass der gewichtigste Grund dafür, dass Mütter in der aktuellen Gesellschaft nach wie vor von großen Teilen als die primär zuständige Person für die Erziehung angesehen werden darin zu finden ist, dass diese Norm seit Jahrhunderten tief verwurzelt ist. Und zwar nicht aus biologischen Gründen, sondern aufgrund der Gesellschaft, in der wir sozialisiert sind. Der Blog, auf dem wir uns hier befinden, ist das beste Beispiel dafür. Mama, Mama und noch mals Mama. Zum Kotzen. Aber ich versuche mal sachlich zu bleiben ;-). Ich habe nicht den Eindruck, dass Ihr „nur“ empirisch beschreiben wollt, dass die leibliche Mutter meistens die primäre Bezugsperson sei, ihr aber für alle Formen hinsichtlich der Teilung der Erziehungsarbeit offen seid. Das zeigt mir schon die Überschrift „Das Thema Gleichberechtigung sollte dem Kindeswohl untergeordnet sein“. Ich hätte es schön gefunden, wenn Ihr darauf eingegangen wäret, warum die Mutter diese besondere Rolle häufig zugesprochen bekommt und warum auch ihr dafür eintretet.

    Es bleibe der schale Beigeschmack, dass Kinder ein die allgemeine Zufriedenheit minderndes Problem darstellen, sagt Ihr. Diese Formulierung habe ich bei Stefanie Lohaus nicht gefunden und ich kann diesen Beigeschmack in ihren Aussagen auch nicht schmecken. Ich stimme Euch im übrigen zu, dass die Kinder nie darum gebeten haben, geboren zu werden. Ich verstehe ihren Artikel auch nicht so als dass sie überzeugt sei, die Anzahl an Babys würde durch die genannten Maßnahmen (Job-Sharing etc.) sprunghaft in die Höhe steigen. Vielmehr arbeitet sie mögliche Gründe für Unzufriedenheit, insb. bei Müttern im Hinblick auf Gestaltung und Aufteilung von Verantwortlichkeiten für Kinder heraus und stellt – wie ich finde durchaus begründete – Thesen auf, womit die niedrige Geburtenrate zu tun haben könnte. Wenn Mutter/Vater verschiedene Vorstellungen von ihren Leben haben, nämlich beispielsweise Kinderwunsch und zusätzlich dem Nachgehen einer Arbeit, einem Hobby oder einer anderen Tätigkeit (und zwar auch noch im jungen Alter des Kindes), so bedeutet dies noch lange nicht, dass ein mögliches Kind ein Problem darstellt. Ich halte diese Sichtweise für sehr absolut. Nach dem Motto: Entweder nur Kind oder kein Kind (wobei man damit den von Euch gewünschten Anstieg der Geburtenrate auch nicht erreicht). Mir wird darüber hinaus auch nicht deutlich, warum man das Thema Gleichberechtigung mit dem Kindeswohl ausspielen muss (ich halte beides für sehr wichtig), und zwar erst recht dann nicht, wenn überhaupt nicht klar ist, womit ein Kind glücklicher ist. Ich kenne sowohl (meinem Eindruck nach) glückliche und ausgeglichene Kinder, die ab dem 1. Jahr tagsüber in der Kita waren als auch solche, die mehrere Jahre zuhause bei den Eltern bzw. einem Elternteil blieben (und übrigens auch solche, die mittlerweile unser Alter erreicht haben). Auf mich suggeriert euer Artikel, ein Kind an Werktagen für einige Stunden in die Kita zu geben würde bedeuten, es ab diesem Moment völlig aus den Augen zu verlieren, die Bindung aufzugeben und die Entwicklungsschritte zu verpassen. Dass dies in den meisten Fällen so kommt, glaube ich nicht. Weiter will ich gerade gar nicht einsteigen in die Debatte, was für und was gegen eine spätere Kita-Betreuung spricht. Ich kann prinzipiell erst mal beiden Modellen positives abgewinnen, bin prinzipiell auch für Wahlfreiheit. Bei der Entscheidung dafür, das Kind mehrere Jahre zuhause zu behalten würde es für mich aber durchaus eine Rolle spielen, wie das ganze genau umgesetzt wird und was die Motivation dafür ist (Bleibt der Mann zuhause? Bleibt die Frau zuhause? Warum? Wird es aufgeteilt?). Dass es nervig, anstrengend und auch verletzend sein kann, dass man sich als Elternteil schnell verurteilt fühlt dafür, wenn man sich dafür entschieden hat, das Kind länger zuhause zu behalten ohne dass überhaupt darüber gesprochen wird, welche Motivation dahinter steckt, kann ich nachvollziehen.

    „Können wir uns heute denn nicht frei entscheiden, wie wir leben möchten?“ fragt Ihr. Man könnte jetzt einen ein dickes Buch füllenden Diskurs zum Thema Freiheit und freies Entscheiden beginnen, und deswegen ist diese Begrifflichkeit hier wahrscheinlich auch ein Knackpunkt, weswegen unsere Ansichten auseinander gehen. Ich (auch wenn ich als Mann wahrscheinlich nicht angesprochen bin) würde auf Eure Frage sagen „Nein, bzw. nur sehr bedingt“. Ich glaube nicht, dass Ihr zwei Autorinnen (die ich ja auch kenne ;-)) an den Herd gefesselte Opfer seid. Gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass Gedanken in diese Richtung (wenn auch nicht so drastisch) und dieses Rollenverständnis in der Gesellschaft mit all ihren sozialen Milieus nach wie vor weit verbreitet sind. Ich gehe mal davon aus, dass ihr mit der Wahl Eurer Beispiele, die beschreiben sollen was Männer sich heutzutage sicherlich nicht mehr wünschen würden, bewusst überspitzt agiert. Trotzdem: Ist das Ziel schon dann erreicht, wenn der Schritt überwunden ist, dass Babyrei und Elternabende die einzigen Konversationsthemen von Frauen sind? Kann man sich damit zufrieden geben? Ich denke, nein.
    Auch Ihr und ich, die wir behaupten, wir setzen uns mit dem Thema auseinander (ihr sicherlich auch mit Euren Partnern)… Auch wir sind nicht frei von den sich über Jahrhunderten gefestigten Normen. Gleich(un)berechtigung tritt nicht nur durch Herdfesseln zutage, sondern auch an ganz anderen Stellen.
    Und: Wenn sich in den 60er und 70er Jahren nicht eine feministische Bewegung gruppiert hätte, so wären die Zustände womöglich immer noch so wie ihr sie beschrieben habt. Solche Strömungen haben erreicht, dass sich die Bedingungen verändert haben. Und sie geben sich (wie ich finde berechtigterweise) nicht mit dem Erreichten zufrieden.
    Noch eine Frage: Denkt Ihr, es gibt diese Gleichberechtigung mittlerweile (in diese Richtung gehend verstehe ich Eure Argumentation in Teilen des Artikels)? Oder denkt Ihr, es gibt sie nicht, aber man müsse sie dem Kindeswohl unterordnen (so steht es in einer Überschrift)?

    Soweit erst mal. Bin gespannt auf Antworten.

    Viele Grüße
    C

    Antworten
    • Noémi

      21. August 2015

      Lieber C!

      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Ich versuche mal in relativer Kürze auf Deine Einwände einzugehen:

      Ja, wir erachten die leibliche Mutter im Normalfall als die naheliegendste primäre Bezugsperson eines Babys/Kleinkindes/Kindes. Und zwar nicht einfach, weil das quasi zufällig seit Jahrtausenden meistens so ist, sondern weil es einen Grund hat, dass es so ist. Üblicherweise ist eine Frau neun Monate schwanger mit einem Kind und baut während dieser Zeit eine Bindung zu ihm auf, ebenso wie das Kind zu ihr. Letzteres tut das natürlich viel weniger bewusst, dennoch kennt es Herzschlag, Geruch, Geschmack, Stimme, Stimmungen, kennt seine leibliche Mutter von innen, sozusagen. Wenn es dann von ebendieser Mutter in einem doch sehr intensiven Akt zur Welt gebracht wurde, fühlt es sich zunächst am ehesten in dieser ihm einzig vertrauen “Aura” wohl, sicher, geborgen. Hinzu kommt das Stillen (klar, Flasche geht auch, und manchmal klappts auch einfach nicht mit dem Trinken), das ja nun auch erstmal als gegeben angesehen werden muss und unbestritten die beste Ernährung für ein Baby darstellt (außerdem stillt es nicht nur seinen Hunger an der Brust, sondern sie dient ihm genauso zur Beruhigung, als Einschlafhilfe etc…). Wenn also alles unkompliziert verläuft, vergehen 9 Monate Schwangerschaft, die Geburt, plus 4-6 Monate reine Stillzeit plus nochmal einige Monate, bis das Kind nur noch andere Nahrung essen kann. Das ist ziemlich viel Zeit, in der sich das Kind ganz bestimmt keine Gedanken über Gleichberechtigung macht. Es möchte ganz einfach seine Sicherheits- und Milchquelle möglichst immer griffbereit haben. Nicht unbedingt 24/7, aber jedenfalls so oder so als primäre Bezugsperson. Das sind erstmal die Komponenten des Säuglingsalters. Üblicherweise. Es geht auch anders, keine Frage. Aber meistens war und ist es so und eben nicht ohne mehrere gute Gründe.

      So. Meistens ist die Mutter für das Kind also primäre BezugsPerson geworden. Und es braucht dieselbe noch eine ziemlich lange Zeit, über deren genaue Länge man sich nun streiten kann, wenn man will, möglichst viEl um und bei sich. Wir denken, mindestens 3 Jahre.

      Wir sprechen also deswegen vor allem die Mütter an, weil wir uns wünschen würden, dass den Kindern ihre primäre Bezugsperson möglichst lange möglichst viel “zur Verfügung” steht und wir aus o.g. Gründen davon ausgehen, dass es sich dabei eben meistens um die leibliche Mutter handelt.

      Dass Kinder ein die Zufriedenheit mindernder Störfaktor sind, das hören wir aus vielen Artikeln und Diskussionen heraus, nicht nur aus diesem einen zitierten. Ja, unser Eindruck ist, dass die Belange der Eltern (bzw wirtschaftliche Faktoren) eine ungleich größere Rolle in der Debatte spielen, und wir finden das nicht richtig.

      Ebenso dominiert in unseren Augen das Thema Gleichberechtigung und Emanzipation, deswegen stellen wir das ganz bewusst nach hinten, hinter die Belange der Kinder. Mit der Absicht, die Dinge, die sicherlich zwar zusammenhängen, dennoch einmal umzudrehen und von der anderen Seite aus zu betrachten.

      Einige Stunden am Tag in der Kita sei ok, schreibst du. Das denken wir auch (auch wenn wir das persönlich für unsere Kleinkinder nicht möchten). Nur sind es in der Praxis, die wir in unserem unmittelbaren und fernen Umfeld betrachten, nicht nur einige Stunden, sondern meistens fast der ganze Tag. 8-16h ist ganz normal. Wir denken, das ist ganz einfach viel zu viel für so kleine Kinder. Zu viel Zeit in relativer unruhiger Gruppen-Atmosphäre (die wenigsten Kita Gruppen sind in der Realität ruhig. Wo mehrere Kinder zusammen sind, wird es fast immer irgendwie irgendwann laut und unruhig), zu wenig Zeit zu Hause mit den Eltern und Geschwistern, ggf. Selbst für über dreijährige Kinder ist das einfach ein zu langer Tag, so meinen wir.
      Andere Aspekte zur Kita an sich haben wir im Artikel ausgeführt.

      Du sprichst über die Motivation. Ja, eben, die Motivation spielt eine Rolle! Und in unseren Augen sind es nicht selten nicht-Kind-bezogene Gründe, die dazu führen, dass 1jährige den Großteil des Tages nicht mit ihren Eltern verbringen. Sei es, weil das Geld nicht reicht, oder aber, weil man einfach keine Lust hat, sich nur ums Kind zu kümmern. Wir denken, dass beide Gründe dem Kind nicht gerecht werden.

      Zum Thema Gleichberechtigung nochmal: Sie ist definitiv wichtig und richtig und ist in den meisten Ländern/Gesellschaften noch nicht hinreichend erfüllt, wenn überhaupt. Der Feminismus in unseren Breitengraden im letzten Jahrhundert war ebenfalls richtig und wichtig. Es gibt immer noch viele Bereiche, beruflich/gesellschaftlich, in denen Aufklärung und ggf sogar “Kampf” nötig sind. In anderen, vielen Bereichen sind Frauen mittlerweile gleichberechtigt, meine ich (immer noch nur für die “westliche Welt” gesprochen), betreffend Bildungsmöglichkeiten z.B., um jetzt nur einen Punkt zu nennen. Auch in puncto Selbstbewusstsein/Selbstbestimmtheit stehen Frauen, zumindest der “mittleren und oberen Schichten”, Männern in nichts nach, so mein Eindruck. Eben deshalb kann ich auch behaupten, mich “frei” für meine aktuelle Lebensform entschieden zu haben.

      Wie dem auch sei, so oder so – wir denken, dass beim Thema (Klein-)Kindeswohl die Gleichberechtigung nach feministischem Modell eine kleine Pause einlegen muss bzw ihre Bedürfnisse erst dann anmelden sollte, wenn die Bedürfnisse des Kindes gedeckt wurden. Oder aber, anders gedacht: Ich fühle mich als Frau so hinreichend emanzipiert, dass ich gar nicht über dieses Thema nachdenke, wenn ich an mein Kind denke. ich denke dann nur an mein Kind. Und zusammen mit meinem Mann treffen wir die Entscheidungen bzgl Betreuung/Aufteilung/Arbeitsteilung/Aufgabenteilung etc, die wir für das beste halten; in erster Linie fürs Kind, dann für uns, egal, ob Mann oder Frau.

      Ich hoffe, ich konnte auf Deine Fragen und Gedanken einigermaßen umfassend eingehen, auch im Sinne meiner co-Autorin!

      Viele Grüße!
      Noémi

      Antworten
  • Regina Hilsberg

    16. August 2015

    Das kann ich alles Wort für Wort unterschreiben!
    Aber einen Satz finde ich besonders wichtig, weil er fast nie ausgesprochen wird:
    “Den Gedanken, dass kleine Kinder und gleichzeitige Berufstätigkeit auch bei optimalem Zeitmanagement nicht wirklich gut zusammenpassen, wagen nicht viele laut auszusprechen.”
    Ich erinnere mich an das zweite Lebensjahr unseres ersten Kindes – ein kleiner Junge. Ich machte Referendariat, das Kind wurde rund um die Uhr vom Vater betreut. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen, ich konnte frei Termine vereinbaren, ich konnte auch mal zu spät kommen, machte alles nichts – nach heutigen Maßstäben perfekt. Und wir ging es mir dabei? Schlecht. Weil die Gemütslage, in der mich mein Kind brauchte – hinschauend, Gefühle ertastend, abwartend, unterstützend, tröstend, bestätigend – mich in der Schule ins Messer laufen ließ. Die großen Schüler dankten mir meine Einfühlsamkeit nicht. Irgendwann habe ich den Spagat begriffen, der da von mir verlangt wurde, und habe ihn dann halbwegs hingekriegt, aber wie habe ich es genossen, dass ich bei den drei Töchtern, die ich dann noch bekam, zu Hause bleiben und sie diese ersten Jahre in ihr Gefühlsleben und in ihre Willenbildung begleiten durfte!

    Antworten
  • Bärbel Fischer

    14. August 2015

    Gerne schenke ich Ihnen meine Märchenauslegung zu: Der Rattenfänger von Hameln, erschienen 2013 auf : http://www.forum-familiengerechtigkeit.de.
    Danke für den differenzierten obigen Beitrag!

    Fahren Sie auch manchmal mit stark gedrosseltem Tempo durch Spielstraßen? Wir wollen ja Rücksicht nehmen auf spielende Kinder. Doch wo sind sie? Keine Kreidemalerei auf der Fahrbahn, kein rollender Ball, kein Dreirad, kein Puppenwagen, kein einziges Kind weit und breit! Die Straßen, die Spielplätze, die Häuser – alle leer – ganztags! Da fallen mir die leeren Häuser der Stadt Hameln ein, von denen das Rattenfängermärchen erzählt.

    Der Gaukler hatte die Bürger mit dem Zauberton seiner Flöte von der schrecklichen Rattenplage befreit. Endlich!

    Jetzt kann man in der Stadt wieder ungestört seinen Geschäften nachgehen, jetzt klingelt endlich wieder Geld in der Kasse, jetzt kann der Markt wieder florieren! Business must go! Nur keine Zeit verplempern mit Kinderkram bei Heim und Herd! Time is money!

    Vergessen sind Achtung und Redlichkeit, Handschlag und Ehrenwort. Ohne den versprochenen Lohn für seinen Dienst, nicht einmal mit einem Mindestlohn muss der Rattenfänger wieder abziehen.

    Doch die Rache lässt nicht lange auf sich warten.Von ihren rastlosen Eltern gänzlich unbemerkt lockt der Scharlatan die Kinder mit seinen süßen Melodien auf den Marktplatz, um sie in einen Zauberberg zu entführen. Zu spät bemerken die geschäftigen Hamelner, dass all ihr Treiben keinen Sinn macht, wenn die Kinder fehlen. Keine Kinder – keine Zukunft! Verzweifelt sitzen sie da mit vollen Taschen in leeren Stuben und lauschen den leisen Liedern und dem Kinderlachen, das aus unerreichbarer Ferne zu ihnen dringt.

    Hameln ist hier und heute! Hameln ist überall!

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